11.5.2016

Asien nach dem Ende des Kalten Krieges

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Das Ende des Kalten Krieges wird gemeinhin mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Ende der Blockkonfrontation in Europa, dem Rückzug der Sowjetunion aus Osteuropa sowie deren Zerfall in die früheren Sowjetrepubliken assoziiert. Von den beiden Vormächten der Blockkonfrontation blieb nur eine einzige übrig, die USA. Doch bedeutete dies, wie uns heute schmerzhaft bewusst wird, keineswegs den Siegeszug des liberalen, demokratischen, kapitalistischen Systems unter der unangefochtenen Hegemonie Washingtons. Die Gegenwart offenbart vielmehr zweierlei: das Aufbrechen neuer Konfliktlinien jenseits des ehemaligen Ost-West-Konflikts sowie den Aufstieg Chinas und Indiens.

Abgesehen von den Bestrebungen Russlands unter Putin nach Ausweitung des russischen Einflussbereichs in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere durch Annexion der Krim und Destabilisierung der Ukraine, spielen sich diese Vorgänge weitgehend in Asien ab. Hier werden die heftigsten Kriege und Konflikte der Gegenwart vor allem unter dem Signum des Islamismus geführt; hier befindet sich das Aktionsfeld der neuen Mächte, die die Hegemonie der USA herausfordern. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick zurück auf die Ursprünge dieser Prozesse, die bis in die Zeit vor dem Umbruch von 1989/90 zurückreichen.

Über die Rolle des kommunistischen China als Konkurrent der Sowjetunion wird seit den 1960er Jahren diskutiert. Obwohl China seit 1964 über Atomwaffen verfügte, verhinderten unter Mao Zedong sowohl der "große Sprung nach vorn" als auch die Kulturrevolution eine weltpolitische Offensive. Diese setzte erst im Zeichen der wirtschaftlichen Liberalisierung unter Deng Xiao Ping seit 1979 ein, als die Entwicklung Chinas zur führenden asiatischen Wirtschaftsmacht einsetzte. Einerseits ist das Land auf den Austausch mit anderen Wirtschaftsmächten angewiesen; andererseits hindert das China nicht an einem zunehmend robusten, auch militärischen Vorgehen, wenn es darum geht, die eigenen wirtschaftlichen und territorialen Interessen durchzusetzen.Photo: Lifewireshock, Aerial photograph showing recent harbour developments on Duncan Island, 20.12.2012, CC BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duncan_Island_-_December_2012.jpg)

Etwas anders liegt der Fall bei Indien, dessen Wirtschaft sich erst seit 1991 unter Finanzminister Manmohan Singh liberalisierte und öffnete. Hier wurden die entscheidenden Entwicklungen nach Ende des Kalten Krieges in Gang gesetzt, als sich die indische Variante eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus endgültig als Sackgasse erwiesen hatte. Doch während China unbestritten bereits eine Großmacht ist, steht Indien erst davor, eine zu werden.

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erlebte auch der Islam als politische Kraft eine vorher ungeahnte Renaissance. Der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der säkularen arabischen Staaten in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten wurde durch die iranische Revolution unter Ajatollah Khomeini, die das Regime des Schahs hinwegfegte und sich dauerhaft etablieren konnte, schwer erschüttert. Auch im benachbarten Afghanistan machten sich bereits vor der sowjetischen Invasion von 1979 islamisch-fundamentalistische Kräfte breit, die dann im Kampf gegen die sowjetische Besatzung an Zulauf gewannen und von den USA unterstützt wurden. Zwar konnte noch niemand ahnen, dass daraus der militante Islamismus der Gegenwart werden sollte, der mit seinen Terrorregimes nicht nur im Mittleren Osten, sondern auch in Afrika um sich greift und mittels terroristischer Anschläge auch die USA und Europa bedroht. Gleichwohl sind die Ursprünge dieser Entwicklungen im Asien des ausgehenden Kalten Krieges zu suchen.

Wenn unter Zeitgeschichte daher auch die Vorgeschichte der Gegenwart verstanden wird, ist es meines Erachtens notwendig, bei der Frage nach dem Ende des Kalten Krieges den Blick nicht nur nach Europa und Nordamerika, sondern stärker als bisher nach Asien zu richten, weil hier Entwicklungen angestoßen wurden, die die heutige Welt(un)ordnung nachhaltig geprägt haben und weiterhin prägen.

 

Hermann Wentker, Historiker, leitet die Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte und ist apl. Professor an der Universität Potsdam.

 

Zitierempfehlung:
Hermann Wentker, Asien nach dem Ende des Kalten Krieges, 11.05.2016, http://www.berlinerkolleg.com/de/blog/asien-nach-dem-ende-des-kalten-krieges (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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